Dieser Text entstand im Rahmen eines Spiels, dass ich "7 von 7" nenne. Jeder der 7 Teilnehmer aus dem Schreibcamp durfte ein Wort wählen und aus den 7 Wörtern einen Text schreiben. Genre, Zeitaufwand, Wortanzahl völlig egal. 

 

Hier die Wörter für den Text: 

 

 

Instagram

Eichhörnchen

Fickmaul

Elfe

Lauch

Kassenpatient

Fliege

 

Alles hatte mit ihrem Instagram Post über das lästige Leben als Kassenpatientin begonnen. Er hatte ihn kommentiert, sie waren ins Gespräch gekommen und hatten schnell festgestellt, dass sie beide den gleichen Traum hatten. Sie wollten eine Fantasywelt erschaffen, sie wollten ein Buch schreiben, sie wollten DAS Buch schreiben.

Sie würde ihn jetzt das erste Mal treffen und obwohl sie sich seit Wochen tagein tagaus schrieben, war sie aufgeregt. Vielleicht auch deshalb. Dort wird ein Mann sitzen, der mehr über sie weiß, als die meisten ihrer Freunde. Er kannte ihre Ängste, ihre Zweifel, ihre Fantasie, ihre Träume. Und sie seine. Wie wird es wohl sein, wenn sie seine Stimme das erste Mal hörte? 

Tilda zögerte einen kurzen Moment, bevor sie das Café Elfe betrat. Mit feuchten Händen öffnete sie die Tür. Sie erkannte ihn sofort. Er sah genauso aus wie auf den Bildern und stand zur Begrüßung auf, um sie zu umarmen. 

„Hey, schön das du da bist.“

„Hey.“ Sie setzte sich an den Tisch. „Die haben ja wirklich Elfenkostüme an.“

„Ich habs dir doch versprochen.“ Er grinste mich an und meine Anspannung verschwand genauso schnell, als hätte ich eine Tafel Schokolade gegessen. Das würde ein toller Abend werden.

 

Zwei Wochen später. 

Das war unser drittes Treffen und ich war freudig erregt, ihn zu sehen. Diesmal trieften meine Hände nicht vor Schweiß und ich hatte auch keine Angst mehr, dass wir uns nichts zu sagen hätten. Wir wollten an unserem Roman arbeiten. Er hatte eine Schreibsoftware gekauft, die uns gemeinsam zur gleichen Zeit am Projekt arbeiten ließ.

Ich klingelte an seiner Haustür. Er öffnete. Ich eilte euphorisch die Treppe hinauf. Er öffnete die Tür, wir umarmten uns.

„Hey Tilda. Schickes Kleid.“

„Danke.“ Ich drehte mich weg, um meine Schuhe auszuziehen und meine roten Wangen zu verstecken. In meinem Unterleib kribbelte es angenehm.

Er schloss die Tür hinter mir zu, ließ den Schlüssel stecken. „Ist ne komische Angewohnheit von mir.“ Er grinste mich entschuldigend an und nahm die Weinflasche entgegen, die ich für unser Mahl mitgebracht hatte. „Ich muss zum Herd, das Essen brennt sonst an. Geh ruhig schon mal ins Wohnzimmer.“

„Wo ist das denn?“, rief ich ihm hinterher und erhielt als Antwort ein Lachen. „Es gibt nur ein Zimmer und ein Klo. Ist ne Einraumwohnung“, brüllte er zurück.

Ich folgte ihm ein paar Schritte und befand mich in einem Raum mit zerknittertem Bett, Schreibtisch mit Computer, der so alt war wie mein Opa. Es roch muffig in dem Multifunktionsraum. Wie bei meinem Bruder als er pubertierte. Auf einem Regal über dem Bett standen ausgestopfte Tiere. Eichhörnchen, Rebhühner, ein Fuchs. Von diesem Fabel hatte ich bisher nichts gewusst.

Ich fühlte mich nicht sonderlich wohl in diesem beengten Raum und schlenderte zu ihm in die Küche.

„Komm nicht hier rein, ich hab nicht mehr geschafft aufzuräumen“, rief er etwas zu laut, dafür, dass ich bereits hinter ihm stand.

Ich sah Mülltüten, einen fleckigen Boden, Fliegen und das Abwaschbecken voll mit Geschirr. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich bei ihm essen wollte. 

„Du kannst dich an den Computer setzen und den neusten Entwurf lesen.“

Also gut, dachte ich und setze mich an den Schreibtisch, vertiefte mich in seinen Text.

Er huschte an mir vorbei, kam aber sofort wieder zurück.

„Essen ist fertig,“ bemerkt er, bevor er erneut in der Küche verschwand und dann mit zwei Tellern Spaghetti erschien. 

„Wo essen wir denn?“ 

„Hier auf dem Bett. Ich gehe nur zum Arbeiten an den Schreibtisch.“

Er platzierte sich im Schneidersitz samt Teller auf sein Bett und packte die Decke in eine Ecke. „Hier ist genug Platz.“

Mein Herz klopfte im Takt eines Technobeats. Ich hatte das alles irgendwie anders erwartet. Sauberer. Mit Esstisch. Mit frischer Luft. Ich setzte sich mit etwas Abstand zu ihm, nahm den Teller auf den Schoß und begann zu essen.

„Lecker, ne?“, fragte er mit vollem Mund. Rote Soße klebte an seinem Mund.

„Hm.“ 

Er legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. „Du bekommst deinen Nachtisch aber auch, wenn du nicht aufisst.“

Was sollte das hier? Ich verfiel in eine Schockstarre. Hörte auf zu kauen und starrte auf meinen Teller. Das geht irgendwie in eine falsche Richtung. Ruhig bleiben, mahnte ich mich. Alles ist gut. Atmen. Aufstehen. Gehen. „Du, mir gehts irgendwie nicht so gut. Ich glaube, ich schaff das nicht.“ Ich erhob mich und brachte das Essen zurück in die Küche. Als ich mich umdrehte, stand er hinter mir. Ich zuckte zusammen.

„Den Nachtisch bekommst du, ob du willst oder nicht.“ Er grinste nicht mehr.

Ich ging ein paar Schritte rückwärts und schielte zur Theke. Lauch, Tomaten, eine Maggiverpackung, Chips und ein Messerblock. 

„Denk gar nicht erst dran,“ kam er mir zuvor und griff sich das Messer.

Ich lief weiter rückwärts, rammte gegen einen Stuhl.

Er fuhr mit der Klinge über seinen Arm. Blut tröpfelte über seine Hand, hinab auf den Boden.

„Jetzt gibts was Süßes, du Fickmaul!“

 

 

Photo by Marina Vitale on Unsplash

 

 

Von nett sein und Angst haben

 

Mit zügigen Schritten folge ich der Ansage von Googlemaps und finde die Tramhaltestelle. Es wird plötzlich wieder schnell dunkel und ich mit meinem kurzen Kleid in einer unbelebten Gegend ist keine gute Kombi. An der Haltestelle halte ich mich weiter hinten, denn auf den Sitzen sehe ich schon von weitem einen Mann, der mir nicht ganz geheuer wirkt. Okay, das tun viele Männer, erst recht, wenn sie Alkohol in der Hand halten. Ich konnte eine Bierflasche erkennen und blieb in meiner sicheren Ecke und ließ mich von meiner Musik beruhigen, träumte mich an einen schönen Ort.

Als wollte mich der Himmel ärgern, fing es an zu regnen. Ich habe kein Problem mit Regen, im Gegenteil, ich liebe ihn, doch meine neuen Kopfhörer finden Wasser gar nicht lustig, also atmete ich tief ein und versuchte damit ein wenig Mut aufzusaugen. Ich trat zaghaft unter das Dach und hoffte, genügend Distanz mit Kopfhörern auf den Ohren und Blick auf dem Handy zu schaffen. Zu oft wurde ich in diesem Jahr schon dämlich angemacht und sogar angefasst. Sexuelle Belästigung scheint ein immer schlimmeres Problem in dieser Stadt zu werden, oder bin ich einfach nur sensibler für dieses Thema geworden? Wobei mich die Kombination der Wörter sensibel und sexuelle Belästigung ernsthaft wütend macht.

Der Mann neben mir erhebt sich. Na klasse. War ja klar. Warum hab ich die Kopfhörer nicht einfach in meinen Rucksack getan und bin im Regen stehen geblieben? Wie man’s macht… Er kommt zu mir, wedelt mit den Händen vor meinen Augen und redet mit mir. Ich will nicht unhöflich sein, er hat kaum noch Zähne, grinst lieb. Er wirkt nicht sonderlich gefährlich, doch lieb sind sie am Anfang ja alle. Ihr Nett ist eben ein anderes als meine Auffassung davon. Ich rechne damit, dass er Geld möchte, die Tüten um ihn herum signalisieren mir, dass er vermutlich obdachlos ist. Ich habe kein Problem damit, ihm Geld zu geben, doch ich möchte mein Portemonnaie nicht zücken, habe Angst, dass er es mir wegnimmt, übergriffig wird, will aber auch nett sen. Mein übliches Problem, dass mir schon den ein oder anderen ‚Mini‘-Stalker verpasst hat.

Ich füge mich meinem Drang, höflich zu sein, nehme die Kopfhörer ab, verzichte aber aufs Lächeln. Ich hasse es, nicht zu lächeln, aber ich habe meine Lektion gelernt, schaue ihm skeptisch ins Gesicht.

„Hallo, du ich will dich nich stören, aber kann ich dich um einen Gefallen bitten?“

Tja, was soll ich darauf antworten? Ich bejahe, sehe aber weiterhin distanziert aus. Fühle mich unwohl. Mein Drang wegzurennen ist groß, doch ich will ja auch helfen. Die Bahn kommt in 4 Minuten. Ich habe also eine Sicherheit in petto. Na gut.

„Ich bin ein riesen TwoPac Fan.“

Sein Anfang überrascht mich.

„Guck mal.“ Er präsentiert mir stolz sein T-Shirt, auf dem TwoPac abgebildet ist. Ich muss schmunzeln, weil er so erfreut dabei aussieht. „Kannst du mir bitte ein Lied anmachen?“

Also damit habe ich ja nun beim besten Willen nicht gerechnet.

„Welches?“

„California Love.“

Natürlich, dieser Song ist ja auch klasse. Er steckt so viel Hoffnung in mich und alles was er wollte, war ein Lied zu hören. Wow, wie sehr ich mich ohrfeigen könnte, für meine Skepsis und meine Vorurteile und damit auch irgendwie wieder für meine Ängste.

Ich habe seit gestern wieder Datenvolumen also suche ich das Lied und stelle es so laut, wie mein Handy es zulässt. Er setzt sich wieder, starrt in den Himmel, der Regen prasst aufs Dach und er wippt ganz mit dem Beat. Selten sah ich jemanden so glücklich. Und das wegen eines einzigen Liedes, bis mich die Tram von ihm fortträgt.

 

 

Photo by Leroy_Skalstad / Pixabay

Helle Mitte ist eben nicht Mitte

 

Ein Scherbenhaufen umzingelt mich, während ich in der Sparkasse Geld abhebe.

Hoffentlich finde ich überhaupt etwas, wofür ich es ausgeben werde, hier, in Hellersdorf. Die kaputte Bierflasche droht mir sinnbildlich, was mich erwarten wird. Der Geruch von Alkohol erinnert mich daran, was ich hier eigentlich zu suchen habe: geht hier was?

Hastig eile ich hinaus in das trostlose Zentrum in Helle Mitte. Es ist eiskalt und grau, doch ich gebe mich tapfer und suche nach angesagten Orten. Ich laufe vorbei an „Helle Beach Bar“, „Cybernetcafe“, „M Burger“ und die „Miami Beachbar“, welche mich mit knallroten Bildern versuchen zu locken. Das Wort Augenkrebs schwirrt in meinem Kopf.

Mutig spreche ich ein junges Pärchen an, die doch wohl wissen, wo hier was los ist. „Um Jottes Willen, hier doch nicht“, klärt mich Christian, 29-jähriger Soldat auf Zeit, auf. „Dit Flirt haben se och zujemacht, ne?“, guckt Andrea ihren Freund hilfesuchend an. Er nickt und setzt sich eine Mütze auf die Glatze. „Wir wohnen hier och nich“, kam gleich noch die Rechtfertigung hinterher, als wäre es ein Verbrechen hier zu leben. „Wir sind hier nur wegen Zeeman, in Straußberg haben wa sowat nich!“ Aha. Hellersdorf hat was, das Straußberg nicht hat. Ist ja auch schon was.

Ich ziehe weiter und treffe Jens Bordoweck vom Bau. Er kam vor 14 Jahren für die Liebe, doch die zerbrach. Wieder ein Scherbenhaufen, stelle ich fest. Er zieht nervös an seiner Zigarette und erklärt mir, dass er wegen seiner Arbeit geblieben ist. Auch das klingt wie eine Rechtfertigung, warum er noch hier wohnt. Ein 32-jähriger Single, denk ich mir, genau mein Beuteschema. Wo lernst du denn hier Leute kennen? Was kann man unternehmen? Wo gehst du feiern? Er sieht so aus, als verstehe er die Fragen nicht. Er nimmt noch einen kräftigen Zug und bläst den Rauch in die Luft. „Gärten der Welt sind hier und das Kino“, vor dem er übrigens steht. „Und Disko?“, frage ich vorsichtig weiter, will mich nicht so leicht geschlagen geben. „Nee, wir haben nüscht zum tanzen, nur Bars.“

Lachen. Ich höre es tatsächlich und drehe mich ermutigt zu dem Ort der Fröhlichkeit. Eine Truppe junger Menschen stiefelt aus einem griechischen Restaurant. Wieder stelle ich meine Fragen, diesmal erhalte ich Gelächter als Reaktion: „Nee, wir kommen ausm Wedding.“ Ich wittere meine Chance. Was sucht man hier, wenn man ausm Wedding kommt? Wie aufs Stichwort schleicht ein alter Mann mit Rollator und Ehefrau aus dem Restaurant. „Wir sind seinetwegen hier, Geburtstag.“ Das Ehepaar lächelt höflich und sucht schnell das Weite. Ihnen hatte man wohl noch beigebracht, nicht mit Fremden zu reden.

Dann suche ich mir halt jemanden, der hier arbeitet. Die Wahrscheinlichkeit, auf etwas Positives, dass ich inzwischen wirklich gern hören würde, erscheint mir groß. Ich finde ein Tabakgeschäft. Zugegeben, meine Assoziationskette: Rauchen – Alkohol – Party klingt verzweifelt. Eine hübsche blonde Frau, so Mitte 40 – flackst mit den Kunden und ihr fröhliches Lachen macht mir Mut. „Um Gottes Willen, ich wohne 1,5 Stunden von hier weg!“, höre ich auch hier. Nach längerem Überlegen fällt ihr dann doch noch etwas Erlebnisreiches für Helle Mitte ein. „Wir machen ein paar Mal im Jahr Whisky-, Gin- und Rumverkostung.“ Könnte ich grad ganz gut gebrauchen, denke ich mir und suche mir ein neues Ziel. Strategiewechsel.

Ich mache mich auf den Weg zum Einkaufszentrum. Auch hier wieder eine recht dürftige Gedankenkette: Shoppen, junge Leute, Party? Wenigstens kann ich mich da etwas aufwärmen. Ein Schwall warmer Luft trifft mich wie eine Ohrfeige. Es riecht nach Broiler. Super, ich als Vegetarierin aus Mitte steh da nicht ganz so drauf, aber was solls.

„Ey, wat fährste mir inne Hacken und entschuldigst dich nich ma? Ich gloob ick spinne?“, brüllt eine ältere Dame einem Mann hinterher. Jetzt also auch noch kaputte Füße, denk ich deprimiert. Im Center angekommen, bekomme ich nur noch Absagen, keiner will mehr mit mir reden. Wahrscheinlich hat sich meine Energie zu negativ gewandelt. Ich hätte auch kein Bock mehr mit mir zu reden. Ein letzter Versuch, denke ich mir. Zwei hübsche blond gefärbte Mädels mit schlechtsitzenden Leggins laufen mir entgegen, ich halte meinen Block in der Hand, da läuft mir die hundertste Oma mit Rollator entgegen, guckt mich grimmig an und sagt: „Nein danke.“ Von der wollt ich doch gar nichts, verdammt. „Sie sind ja nich meine Zielgruppe“, hau ich ihr gehässig um die Ohren. „Na danke“, kommt beleidigt zurück. Mir reichts. Ich habe eine gute Idee für mein Geld gefunden, ein Taxi nehmen, um so schnell wie möglich zurück nach Mitte zu kommen. Mit der Tram wären es nämlich 32 Stationen. Noch ein paar Stunden länger hier und ich zerschelle Bierflaschen in Sparkassen.

 

 

 

 

Im Wald

 

Maria irrte seit Stunden durch den Wald. Wie ist sie bloß auf die dumme Idee gekommen, Wandern zu wollen? Sie hatte keine Ahnung davon und war auch nicht sonderlich trainiert. Mit ihrem alten Schulrucksack auf dem Rücken und ihren abgelederten Turnschuhen, kam sie sich ziemlich bescheuert vor und nun hatte sie einfach keine Orientierung mehr. Es wurde langsam dunkel und sie befand sich in einem Wald.

„Oh neeein“, stöhnte sie, als Maria das dritte Mal an dieser gruseligen Höhle vorbeikam. Eine Gänsehaut lief über ihren Rücken. Beim ersten Mal hatte sie noch Kinder gesehen, die sich darin verstecken wollten, doch nun war weit und breit keine Menschenseele mehr zu sehen. Eigentlich ganz gut, denn sie hatte in letzter Zeit genug von Menschen. Ihr Ex nervte sie seit Wochen, sie hatte riesen Streit mit ihrer Mitbewohnerin und von ihren Kollegen und ihrem Chef ganz zu schweigen. Ihre Mutter drängte sie, dass sie sich endlich einen Mann mit Geld suchen sollte, um eine Familie zu gründen, und alles was ihr blieb, waren ihre Bücher. Sie konnte sich stundenlang darin verlieren, so wie vorhin, als sie mit einem Buch an einem Baum angelehnt, eingeschlafen war. 

Den Schock, den sie erlitt, als sie mit einer fetten Spinne auf dem Gesicht erwachte, wird sie wohl niemals verarbeiten. Sie hat geschrien, wie eine abgestochene Wildsau und geheult wie ein Schlosshund. Maria zitterte noch immer. Es fröstelte sie, ihre Füße taten weh, sie hatte sicher schon sechs Blasen an den Zehen und musste dadurch humpeln. Doch an Pause war nicht zu denken, nie mehr würde sie sich in einem Wald bei den ganzen Insekten entspannen und erst recht nicht jetzt, wo es langsam dunkel wurde.

Google Maps schickte sie seit Stunden hin und her, ihr Datenvolumen war aufgebraucht, der Akku ging gleich zugrunde und Netz hatte sie hier in diesem beschissenen Wald sowieso nicht. Maria musste nun versuchen, den Schildern zu vertrauen. Doch sie verstand einfach nicht, wieso die Schilder in die Mitte von zwei Wegen zeigten. Welcher war denn nun der Richtige? Grübelnd stand sie mal wieder vor so einem Schild und überlegte, wie sie sich markieren konnte, dass sie nicht jedes Mal im Kreis lief? Sie kramte in ihrer Tasche und entschied sich für eine Socke, die hing sie an einen Ast, der ihr signalisierte, dass sie dieses Mal hier lang gegangen ist. Stolz auf ihren cleveren Einfall fasste sie neuen Mut und entschied sich für den rechten Weg. 

Eine Krähe krähte, was ziemlich gruselig klang. Hatten Krähen nicht etwas Schlechtes zu bedeuten? Doch was blieb ihr übrig, sie versuchte, so schnell wie möglich zu humpeln, um irgendwann endlich in ihrem Hotel anzukommen.

„Hey, du bist ja immer noch unterwegs?“ 

Ruckartig drehte sie sich um und entspannte sofort wieder, als sie den süßen Typen von vorhin wieder erkannte. Er hatte ihr Blasenpflaster geschenkt, kurz bevor sie eingeschlafen war. 

„Ja, ich wollte die Natur so lange wie möglich genießen“, log sie.

Er blickte ihr skeptisch in die Augen.

„Ja, gut, ich hab keine Ahnung, wie ich hier wieder raus komme,“ gab sie kleinlaut zu. 

Diese Grübchen, dachte sie. Wie konnte er den ganzen Tag im Wald rumlaufen und dabei immer noch so entspannt aussehen?

„Herrje, na dann wollen wir dich mal nach Hause bringen! Wo genau musst du denn hin?“ 

„Nach Saupsdorf“, gab sie zurück.

„Oh cool, da muss ich auch hin. Wo genau schläfst du denn da?“

„In der Kräuterbaude.“ Maria hätte in Tränen ausbrechen können vor Erleichterung, aber sie riss sich zusammen.

„Ha, da schlafe ich auch. Das Hotel gehört meinen Eltern. Wie kamst du denn ausgerechnet auf dieses Hotel?“

„Google hat gesagt“, lachte sie. 

„Du zitterst ja?“

„Ja, mir ist etwas kalt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so frisch werden kann und nichts Wärmeres bei.“ In Wirklichkeit hatte sie aus Wut ihren dicksten Pullover weggeschmissen, weil er ihr einfach zu schwer war, zusammen mit ihrem Buch und ihrem Essen, aber das würde sie natürlich nicht gestehen.

Er legte ihr seine Regenjacke um und sie unterhielten sich angeregt auf dem Heimweg. Sie war nun völlig beflügelt und er zeigte ihr ein paar seiner Fotos, die er heute geschossen hatte. 

„Entschuldige mich bitte kurz.“ Er legte den Rucksack ab und stellte sich etwas weiter weg hinter einen Baum. Wie einfach es Männer doch haben. Sie würde versuchen zu halten, wusste aber nicht, wie lang ihre Blase noch mitmachen würde. Seine Kamera lag auf dem Rucksack und so nahm sie sich die vor und guckte weiter. Er hatte echt Talent. Wie er einen Baum mal furchteinflößend und mal wunderschön darstellen konnte. Dann versteifte sich ihr Rücken. Er hatte ein Bild von ihr gemacht, als sie schlief. Sie zappte weiter, das Zittern kam zurück. Ein Bild von ihr, wie sie fragend vor einem Schild steht, wie sie ihre Sachen wütend entsorgt, wie sie skeptisch vor der Höhle stand. 

Sie hörte Schritte, legte die Kamera weg und rief: „Ich geh auch mal und versuch mein Glück. Es kann aber einen Moment dauern.“ 

Sie hoffte, ihre Stimme klang nicht zu zittrig und entfernte sich vom Fußweg. Maria wurde immer schneller, ihr Atem immer flacher. Was mache ich nur? Wo soll ich hin? Ihren Rucksack hatte sie abgelegt, damit sie schneller rennen konnte. Er würde sicher gleich bemerken, dass sie nicht wiederkam. Ihre schmerzenden Füße merkte sie gar nicht mehr, doch sie stolperte ständig über Wurzeln und kam nicht sonderlich schnell voran. Ein Spinnengewebe nach dem nächsten hing ihr im Gesicht, doch auch das war mittlerweile völlig egal. Was will der Kerl von mir? Wahrscheinlich findet er mich nur süß oder ich war ein Fotoprojekt, versuchte sie, sich zu beruhigen, doch irgendwas sagte ihr, dass sie sich in Gefahr befand. 

„Mariaaaaa“, hörte sie ihn rufen. 

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, machte ihr deutlich, dass sie sich beeilen musste. Sie konnte schlecht auf einen Baum klettern, verdammt. 

„Mariaaaa“, seine Stimme kam näher. 

Sie rutschte aus und kugelte den Hang hinunter, bis sie gegen einen Baum stieß. Ihr Kopf drehte sich und tat weh, sie blutete. Maria versuchte, sich langsam aufzurichten, als sie wieder ihren Namen hörte. Der Schweiß rann über ihr Gesicht und vermischte sich mit dem Blut an ihrer Stirn, floss in ihr Auge und brannte wie Jodsalz. Sie musste sich kurz am Baum festhalten, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, und lauschte. Von wo kam seine Stimme? Blätter rauschten und wieder hörte sie die Krähe. Dann sah sie ihn und rannte weiter, wieder über Stock und Stein. Noch nie in ihrem Leben war sie so schnell gerannt. Maria keuchte so laut, dass er sie noch meilenweit hören musste. Dann sah Maria sie. Die Höhle. Sie war wieder am Anfang und stand zum vierten Mal vor dieser scheiß Höhle. 

„Mariaaaaa.“ Das reichte ihr, sie holte tief Luft und betrat zitternd die finstere Höhle. Sie hielt die Hand nach vorn ausgestreckt und setzte vorsichtig einen Fuß vor den nächsten, denn es war so dunkel, dass sie ihre Hand nicht mehr erkennen konnte. Nach wenigen Metern kam sie schon nicht mehr weiter, an zurück war nicht zu denken, also setzte sie sich in die Ecke und hoffte, er würde weiterziehen. Und dann? 

Es verging eine ganze Weile und nichts passierte. Sie hörte weder ihren Namen noch Schritte, oder sonst irgendetwas. Ihr Atem hatte sich langsam beruhigt, ihr Herzrasen allerdings nicht. Sie war so angespannt, dass sie für kurze Zeit sogar ihre Blase vergessen hatte, doch nun kam der Druck zurück. Sollte sie es wagen, hier zu urinieren? Ach was solls, sie ging ein paar Schritte weiter weg, um nicht in ihrem eigentlichen Versteck zu pullern, hockte sich hin und ließ los. Ein wenig Erleichterung strömte durch ihren Körper, gefolgt von Hoffnung, er hatte sie nicht gefunden und musste nun aufgeben. Morgen früh würde sie aus dieser Höhle klettern, wenn sie die ersten Wanderer hörte und sich nach Hause bringen lassen. Nie wieder würde sie einen Wald betreten.

Sie hatte recht, ein Lichtstrahl blendete ihr ins Gesicht. 

„Mariaaaaa!“

 

 

 

 

Die Truhe

 

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah, dass ein Blitz den Raum erhellt hatte. Im nächsten Moment war es wieder stockfinster.

Turbo, mein kleiner schwarzer Labradorwelpe, jaulte laut auf. Ich hörte ihn flink in mein Schlafzimmer tapsen und ließ ihn ausnahmsweise in mein Bett. Das war keine gute Erziehung, aber ich wollte nicht, dass er sich fürchtete.

Schnell kuschelte ich mich wieder unter meine Bettdecke, versteckte meinen Kopf darunter, so dass ich kaum Luft zum Atmen hatte. Turbo hatte ebenfalls Schwierigkeiten mit der schweren Decke und kämpfte uns wieder frei. Ich schloss fest die Augen, wollte nichts mehr von der Dunkelheit sehen, als ich ein krachendes Donnern vernahm.

„Jirka“, züngelte es in mein Ohr. „Jirka.“

Mein Herz klopfte so laut, dass ich kaum hören konnte, ob mein Name noch öfter geflüstert wurde. Ich wollte auf keinen Fall die Augen öffnen. Ich versuchte, leise zu atmen und mich schlafend zu stellen. Wer flüsterte mir bloß ins Ohr, fragte ich mich. Mein Herz sprang gleich aus meinem Körper, ich musste mich beruhigen. Hörte Turbo die Stimme auch? Ich traute mich nicht, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

„Jirka, mein Schatz, ich weiß doch, wie du atmest, wenn du schläfst und wann du nur so tust. Du konntest mir noch nie etwas vormachen.“ Die Stimme klang alt, dumpf und war mir sehr vertraut, aber das konnte doch unmöglich…

„Jirka, du musst keine Angst haben. Ich habe nicht mehr viel Zeit.“

Träumte ich? Zaghaft öffnete ich die Augen und da stand sie, meine geliebte Oma. Ihre Haare waren ganz grau, sie trug ihren blumengemusterten lila Kittel. Sie lächelte mich an und strich mir über die Wange. Ich fühlte ihre Hand nicht, aber einen Windzug in meinem Gesicht. Um ihren Körper leuchtete ein heller Schein. Nun nahm ich auch den Geruch wahr. Eine Mischung aus Kohleofen, muffigem Haus und Vanilleparfum. Das war der Duft meiner Großmutter. Meiner Oma, die vor drei Tagen verstorben war!

Die Erinnerung daran tat noch weh, erst hatte ich meinen Mann verloren, an eine andere Frau, dann waren meine zweieiigen Töchter für ihr Studium ausgezogen, und nun hatte mich auch noch meine Oma verlassen, der einzige Mensch, der sich je ernsthaft für mich interessiert hatte.

„Ich … ich verstehe nicht“, stotterte ich.

„Jirka, zieh dich schnell an und komm mit, wir haben nicht viel Zeit“, erhielt ich als Antwort. „Sie dürfen mich nicht hier finden, schnell“, drängte sie und verschwand.

Regungslos saß ich auf dem Bett. Was war das? Hatte ich geträumt?

„Schnell“, hörte ich die Mahnung erneut, gefolgt von einem weiteren Donnern, also stand ich auf, zog mir einen dicken Pulli über und sprang in meine Hose. Im Flur schlüpfte ich in meine Winterschuhe und hörte die vertraute Stimme flüstern: „Nimm Turbo mit, er wird wissen, wo es lang geht. Schnell!“

Im selben Moment sprang Turbo schon in den Flur und schaute mich an, als wüsste er genau, dass er eine wichtige Aufgabe hatte und so stürmten wir in die kalte, regnerische Nacht.

Ich fror und lief seit 15 Minuten durch den Regen, das Gewitter war etwas weiter weggezogen. Leider gefiel mir Turbos Richtung ganz und gar nicht, denn er führte mich in den Wald. Jeder Schritt hinein verursachte ein Knacken und Rascheln. Turbo blieb stehen und sah mich an. Wir sind da.

Ein goldenes Licht tauchte vor mir auf, schemenhaft flackerte das Bild meiner Großmutter darin auf. „Hier musst du graben.“

Ich muss graben, wollte ich sie entsetzt fragen, doch sie war schon wieder weg, es blieb ihr Geruch, der sich mit dem Duft von Tannennadeln und nasser Erde vermischte. Ich grub also an der Stelle, die sie mir gezeigt hatte, was nicht so einfach war, Turbo half mit. Ich hatte völlig das Zeitgefühl verloren, doch bald schon stieß ich auf eine Truhe. Mittlerweile war ich total durchgeweicht vom Regen und Schweiß, doch ich nahm die Nässe kaum war.

Ich hielt die Truhe in der Hand, drehte sie, klopfte daran und öffnete sie. Was ich darin fand, schockierte mich mehr, als der Geist meiner Oma. Zugegeben, sie hatte früher oft versprochen, sie passt auf mich auf, auch wenn sie nicht mehr leben würde, doch das hatte mit Aufpassen nichts mehr zu tun. Ich nahm den Inhalt aus der Holztruhe und zählte. Ich hielt 50.000 Euro in den Händen. 50.000 ganze Euro, die ich schnell wieder verpackte, damit sie nicht noch nasser wurden. War ich verrückt geworden? Geister, Geld, mitten in der Nacht in den Wald gehen und graben?

Turbo bellte, sprang an mir hoch und versuchte mich zum Gehen zu bewegen. Ich folgte ihm nach Hause. Mit nasser Kleidung setzte ich mich wieder aufs Bett, zählte das Geld erneut und fragte: „Oma, was ist das?“

Wie aufs Stichwort, kam meine Großmutter zurück. „Mein Schatz, dieses Geld gehört nun dir. Scher dich nicht darum, woher es kommt, vertrau mir einfach, pack sofort deine Sachen und verlasse das Land, lasse alles zurück, auch deine Kinder und Turbo. Du darfst nie mehr zurückkommen. Oh nein, sie kommen. Neeeiiinn“, hallte ihr Schrei in meinem Ohr.

Ein weiterer Lichtstrahl flimmerte neben mir auf. Ich konnte keine Gestalt darin sehen, nur das rote Licht. Aber ich konnte es hören. „Das hättest du nicht tun sollen!“, schrie eine männliche Stimme. Dann eine weitere, die aus blauem Licht ertönte, und eine zornige Warnung aus einem grünen Licht. Am Ende war das ganze Zimmer lichtdurchflutet und es brüllten tausende von Stimmen in meinem Ohr. Egal wo ich hinrannte, es erschien sofort ein Licht vor mir, bis ich am Ende weinend ins Bett zurückkroch, die Kiste fest in den Händen, die Augen geschlossen und schluchzte. Was sollte ich tun? Das Geld nehmen und gehen? Hatte ich noch was zu verlieren? Meine Kinder hatten nie viel von mir gehalten, ich gebe zu, ich war eine furchtbare Mutter gewesen, von meiner Rolle als Ehefrau ganz zu schweigen. Ich habe keine Freundinnen oder Verwandten mehr. Was also hielt mich hier? Ich vertraute meiner Oma. Mutig zog ich die Decke weg und wollte ihren Rat in die Tat umsetzen.

„Tu es nicht! Tu es nicht!“, schrien mir die Stimmen entgegen.

Ich kämpfte mich zum Kleiderschrank durch, doch die Tür wurde von unsichtbaren Kräften festgehalten, die Lichter folgten mir in jeden Raum, Turbo hüpfte verängstigt hin und her.

„Komm Turbo“, wir hauen hier ab. Dann lass ich meine Sachen eben hier.

Ihn würde ich sicher nicht hierlassen, das einzige Geschöpf auf der Welt, dass mich brauchte und liebte. Eine Kombination, die sich gut anfühlte.

Es war nicht leicht, die Tür zu öffnen, doch ich schaffte es und rannte in die Dunkelheit hinaus, die Stimmen folgten mir nicht nach draußen. Als sie verstummten war es, als könnte ich das erste Mal wieder frei atmen.

Wir stiegen ins Auto und fuhren zum Flughafen. Dort kauften wir ein Ticket nach Hawaii. Turbo und ich würden Tag ein, Tag aus am Strand liegen und ein neues Leben anfangen, wie oft habe ich davon geträumt…

Als wir uns im Flughafenshop die Zeit vertrödelten, sprang Turbo plötzlich aufgeregt hin und her, so wie vorher im Schlafzimmer, als er Angst gehabt hatte. Er biss einem kleinen Mädchen in die Wade. Das hatte er noch nie getan.

Ich wartete am Flughafen in einem Büro auf die Polizei und guckte Fernsehen, um das Warten zu überstehen, bis endlich zwei hübsche junge Männer in Uniform den Raum betraten. Ich hoffte, dass wir das schnell regeln konnten, es war schließlich nichts weiter passiert.

„Guten Tag, sind Sie Jirka Schuster?“, fragte der attraktive Blondhaarige.

„Ja das bin ich, hören Sie, das war ein Versehen, Turbo wollte nur spielen, er ist doch noch ein Welpe!“

„Frau Schuster, Sie sind verhaftet, wegen des Mordes an mindestens sieben Männern“, ließ der Kurzhaarige die Bombe platzen und zwang sie in Handschellen. Hinter ihr wurde der Fernseher mit einem Mal sehr laut, so dass alle Drei aufschreckten, zum Bildschirm starrten und dem Nachrichtensprecher lauschten.

„In dem Bauch einer älteren verstorbenen Dame, fand man fremde Zähne. Ihre DNA Spuren passten zu sieben unaufgeklärten Mordfällen. Den Opfern fehlten immer nur ihre Zähne und Geld. Es wird vermutet, dass die Frau Hilfe bei den Morden gehabt hatte. Die Ermittlungen nach ihrer Enkelin sollten gerade beginnen, als man diese aufgrund eines Vorfalls am Flughafen fand. Sie wird soeben verhaftet.

 

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Mann stirbt auf Straßenbahnschienen 

 

Es ist Samstagnachmittag als Manuel, ein 65-jähriger Rentner, aus der Haustüre im Wedding stürzt. Laut totterte er vor sich hin. In der linken Hand hält er eine Hähnchenkeule, in der rechten Hand hält er seinen Latschen. Der dazu passende blau karierte linke Pantoffel, befand sich an seinem von Gicht geplagten Fuße. Die Leute auf der Straße guckten argwöhnisch und stempelten ihn bereits als verwirrten Alzheimer-Patienten ab.

Wild gestikulierend wurde er mit seinem Gebrüll immer lauter und schrie: „Nach all den Jahren! Bei meiner Mutter hat es das nie gegeben!“

Ob er wohl mit sich selbst redete, fragten sich die verwunderten Passanten. Doch da zeigte er auch schon mit dem nackten anklagenden Finger auf eine ängstlich aussehende alte Frau. Sie stand auf der anderen Straßenseite und er brüllte: „Renate! Wie konnteste nur! Reeenaaateeee! Hau ja nich ab du altet Weibsstück!“

Völlig verdutzt wendete sich der Blick der Fußgänger nun von Manuel zu Renate. Sie schien zu zittern. Kalt war ihr wohl nicht. Was hatte sie denn nur angestellt, fragten sich die Leute.

„Sie haben dir doch immer so gut geschmeckt!“ erwiderte Renate kaum hörbar auf die Anschuldigungen.

„Seit wie viel Jahren hintergehst du mich? Seit wie viel Jahren brätst du die Keulen schon nicht mehr selbst? Wie lang verkaufste mich schon für dumm du alte Schrabnelder!“ schrie er und wurde puterrot im Gesicht. So viel Zorn erforderte der Verrat seiner Renate. „Ich verprüjel dich mit deiner jekoften Keule du Alte! Komm jefälligst her!“

Die Passanten schauten nun wieder zu Renate rüber. Sie fragten sich, ob sie sich zu ihm traute, doch diese stand nur mit zusammengefalteten Händen da und fing an zu beten.

„Lieber Gott im Himmel, bitte lass ihn tot umfallen, ich ertrage das nicht mehr. Herr, wenn du mich liebst, so viele Jahre habe ich ihn ausgehalten. Rette mein Leben und lass ihn tot umfallen. Bitte lieber Gott!“ betete sie nun lauter und lauter. Als nun auch Manuel verstand, was sie sich da wünschte, schnappte er über, rannte auf die Straße und sah im letzten Moment die Straßenbahn auf ihn zukommen.

Lautes Kreischen war zu hören. Das Geschrei der Zuschauer wurde von dem quietschenden Bremsen übertönt. Sie konnten es alle nicht glauben. Renate schon gar nicht. Er wurde von der Tram nicht erwischt.

 

Völlig entgeistert biss er nun in seine Keule, die er immer noch in der Hand hielt, verschluckte sich, hustete, lief erneut rot an und starb.

 

 

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